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23.09.2021

Inventur und Neustart

07.07.2021
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Dieser Faktor macht sie nicht zu braven, ungefährlichen oder einfach einschätzbaren Marktteilnehmern. Im Gegenteil sollten nicht diese Riesen mit den unbegrenzten finanziellen Ressourcen  mit voller Transparenz einer staatlichen Kontrolle unterworfen sein?
Mit dem Brandbeschleuniger Corona hat dies nichts zu tun. Allerdings hat diese Krise die Bevölkerung so  direkt getroffen wie schon lange nicht mehr. Im Mai 2021 waren 2,687 Mio. Menschen in Deutschland arbeitslos. Ohne staatlich geförderte Umschulungsprogramme gezählt. Die vom Steuerzahler geförderte  und bezahlte Kurzarbeit vermeidet eine noch höhere Arbeitslosigkeit. 

Corona trifft hart
Im Winter 2020/2021 waren 9 von 10 Betrieben im Gastgewerbe geschlossen. Zahlreiche der 5,2 Millionen deutschen Unternehmen in der Datenbank der Banken sind durch Corona um mehrere Bonitätsnoten abgesackt. Trugen die meisten sonst die drittbeste Note „C“ so liegt der Schwerpunkt mittlerweile in der drittletzten Kategorie „F“. Die Bestnote „A“ tragen von 208.500 in dieser Branche registrierten Unternehmen in Deutschland gerade noch 6.
Viele Hotels, Bars und Restaurants mussten schon aufgeben und werden dies noch tun müssen.  Und auch nach Corona werden nicht alle zurückkehren. 
Die Arbeitslosigkeit hat in den deutschen Großstädten zugenommen. Während es auf dem Land meist ein oder zwei Kneipen gibt, haben die entsprechenden Viertel in Berlin, Hamburg oder  Düsseldorf ganze Straßen, die beinahe nur aus Gastronomie-Betrieben bestehen. Das Gaststätten-Gewerbe ist in diesen Städten überrepräsentiert – deshalb sind die Auswirkungen der Corona-Krise dort so verheerend.

Weltweite Gewinner der Pandemie-Krise
In der Pandemie sind die Gewinne der Google-Dachgesellschaft allein im 1. Quartal 2021 auf sagenhafte 17,9 Milliarden US-$ explodiert. Das ist etwa dreimal so viel wie in den Vergleichsmonaten des ersten Quartals 2020.
Eine ähnliche wirtschaftliche Dynamik ist bei Amazon, Facebook und Co. festzustellen. Die Größe und die daraus resultierende Marktmacht sind manchem mittlerweile unheimlich geworden, sind aber nicht ungesetzlich. Allerdings konnten die Hightech-Giganten über Jahrzehnte ihre Marktmacht rücksichtslos ausspielen. Die Politik war und ist in diesen Fragen heillos überfordert. Steuervermeidung in Milliardenhöhe dieser Wirtschaftsgiganten wurde geduldet und – man ließ es bis heute folgenlos geschehen.
Das Resultat dieser Naivität zeigt sich in der Gegenwart: 70 Prozent aller weltweit betriebenen Smartphones verwenden Googles Android-Betriebssystem. 97 Prozent der mobilen Internetsuchen in Deutschland landen bei Google. Zuletzt landen 3 von 4 €, die in Deutschland für digitale Werbung ausgegeben werden, bei Google, Facebook, Amazon.
2020 waren das 7 Milliarden €. 

Späte Rettungs-Versuche?
Jahrelang haben Deutschland und Europa der Monopolisierung des Internets durch Google, Facebook und Amazon wie gelähmt, oder auch nur desinteressiert?,  zugeschaut. 
So lange, bis es sehr spät geworden ist. Abwarten und Aussitzen war für die Politik die bequemere „Lösung“. Kartellbehörden in Bezug auf Wettbewerbsverzerrung werden voraussichtlich keinen Beitrag zu diesem umfassenden Problem anbieten können. Der digitale Markt ist längst auf eine Handvoll amerikanischer Konzerne und in Asien in  chinesische Händen geraten. 
Was für das deutsche Politikmanagement in Bezug auf flächendeckenden Glasfaser-Breitbandausbau gilt, bei der sie seit Jahren taten- und emotionslos zuschaut, dass die führende Industrienation Deutschland hoffnungslos abgehängt ist, gilt weitestgehend auch für die klassischen Printmedien. 
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde das Internet bestenfalls als Reichweiten-Bringer mit einem Vollinhalts-Leseangebot für den Gratis-Leser von den Zeitungsmedienhäusern wahrgenommen. Zuerst ein Voll-PDF, dann später angereichert mit einigen Videos, das war das Angebot, von dem eine neue bezahlende Klientel erwartet wurde. 
Eine dramatische Fehleinschätzung, wie heute jeder weiß. 
Digitale Artikel-Vermarktung mit Rückgaberecht, wenn der Artikel beim Leser kein Gefallen gefunden hat, auch das Blendle-Modell, ist gescheitert. Die ebenfalls späten Versuche, durch Vermarktung durch einzelne Artikel Minimal-Erlöse, Metered-Modelle etc., zu erwirtschaften, sind weitestgehend erfolglos geblieben.
Digitale Kombi-Bezahl-Modelle mit Print gestalten sich da erfolgreicher.

Leistungsschutzrecht – späte Schein-Lösung?
Seit Anfang Juni 2021 gilt endlich auch in Deutschland das von der EU schon 2019 auf den Weg gebrachte neue Urheber- und Leistungsschutzrecht. Das Recht darauf, dass Verleger ihre inhaltliche Leistung gegenüber missbräuchlicher Nutzung besonders durch Google und anderer Internet-Plattformen schützen können, hat die deutsche Verleger-Legende Prof. Dr. Hubert Burda schon vor 20 Jahren eingefordert.  Leider immer wieder von der Politik unbeachtet und ungehört.
Doch wie lange kann dieses neue Glücksgefühl der Verlage dauern, dieses selbstverständliche Recht auch praxisnah einfordern zu können? 
In Brüssel wird mit dem „Digital Markets Act“ an einer europaweiten Neuordnung des Wettbewerbsrechts gearbeitet. Doch hat dieser Entwurf nach Auffassung von Philipp Welte, Vorstand bei Hubert Burda Media, leider erneut grobe Mängel.
Dieser Gesetzentwurf verpflichtet nur App-Stores zu fairen, diskriminierungsfreien Zugangsbedingungen, nicht aber Googles Suchmaschine und Facebook als die allmächtigen Gatekeeper im Internet.
Dieser Gesetzentwurf schützt die Weltmonopolisten, statt sie fair zu regulieren.
„Es liegt also erneut ein weiter politischer Weg vor der freien Presse, aber wir werden diesen mühsamen Weg gehen. Weil wir die Heimat des unabhängigen Journalismus in Deutschland sind; zwei Drittel aller fest angestellten Journalisten in unserem Land arbeiten für die Verlage. Und weil wir daran glauben, dass die Freiheit der Meinungen und die Verlässlichkeit der Informationen unverzichtbare Elemente unserer Demokratie sind. Dafür lohnt es sich zu kämpfen – gegen mangelnden politischen Willen und gegen die Willkür der Monopolisten auf der anderen Seite.“ (Zitat Philipp Welte, Vorstand Burda Media).

Inventur – jetzt 
Die klassischen Printmedien wanken. Aber sie fallen nicht. Dafür gilt es, neue Wege zum Leser über alle Altersgruppen hinweg zu suchen. 
Über Print und Online, Events und marktfähigen Dienstleistungen.
Bei Print werden es neue Ausgabenzuschnitte  richten müssen. Und dies über alle zu erreichenden Zielgruppen hinweg. Die gedruckte, mittlerweile vertriebsbedingt für den Käufer mit mittlerweile mit über 2 € bis zur Sonntag-Ausgabe über 4 € sehr teure Tageszeitung, wird von den jungen  Menschen am Beispiel im Nordischen Broadsheet-Format  (40 x 56 cm Papierformat ) kaum nachgefragt und gekauft. So wird sie zur Zeitung von lesenden Fan-Eliten. Wie, Wann und Wo? soll der Leser dieses flächendeckende Zeitungs-Format lesen können? Der Leser wird vor allem dann zur gedruckten Zeitung greifen, wenn er die meiste Zeit und Gelegenheit hat,  die Zeitung  analog oder digital zu konsumieren.
Beispielsweise am Wochenende. In Ferienzeiten mit Special-Editions für die jeweiligen Zielgruppen.
Das kostet Geld, in der Redaktion, im Verlag und in der Zeitungstechnik, durch immer mehr kleinteiliger werdende Ausgaben und neue Vertriebszuschnitte zu erscheinen. Der Vertrieb der gedruckten Zeitung ist mit 34% an der Gesamtkostenstruktur der größte Kostenfaktor. Gleichzeitig gibt es kein Zeitungsmedienhaus, Axel Springer SE ausgenommen, das heute auf die Erlöse der gedruckten Zeitung plus dem wichtigen Beilagen-Geschäft verzichten kann.
Zusatzgeschäfte vor allem der regionalen Zeitungen wie u.a. Postzustellung, Direct-Marketing-Geschäfte und Dienstleistungsangebote über das Medien-Business hinaus können dabei helfen, Qualitätsjournalismus wirtschaftlich auszubauen.
Nachwuchsförderung – wichtiger denn je
Junge Menschen nachhaltig zu begeistern, in das multimediale Zeitungs- oder Zeitschriften-Geschäft mit Herzblut einzusteigen, ist eine der großen Herausforderungen geworden. 
Ob als Redakteur, Info-Grafiker, Foto-Redakteur, Verkäufer von Werbeinhalten, Techniker, IT-Spezialist, Radio- oder TV-Reporter, Druck-Versandraum-Spezialist etc.:
Bei der in der Praxis gelebten Vision Information und Kommunikation von geprüften Inhalten ein wertvoller, von der jeweiligen Aufgabe begeisterter Teil dieses Teams zu sein. 
Darum geht es. 
Wo Viele aufgeben, fangen diese Menschen mit ihrer Arbeit mit Mut und Beharrlichkeit an.

Innovativer Neustart
Die Lieferindustrie war schon vor der Corona-Krise angezählt. Immer aufwändigere, kostenintensivere Auftragsaquisitionen, lange Projektvorlaufzeiten und oftmals lange Projektrealisierungszeiträume, zugleich stetig fallende Absatzpreise lähmen die  wertvollen Denker der Industrie als Partner der internationaler Medienhäuser.
Die Zeiten haben sich geändert – wie sie sich schon immer fortwährend geändert haben.
Das eigene Produktportfolio zu überdenken, über die reine Medienindustrie hinauszudenken, dafür neue Dienstleistungen, Produkte und Beratungsangebote zu entwickeln, wird helfen.
Die Zeit dafür sollte in den Tagen des Corona-Stillstands wertvoll genutzt werden.
Es gibt kein Zurück. Sonder nur ein geplantes Vorwärts. 
Damit es aufwärts geht.                                   -karma-

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