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29.09.2020

Das Aktuelle Medieninterview – Wie lebt die Zeitung mit Corona?

15.08.2020
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PreMedia Newsletter: 
Herr Chefredakteur Heer, vielen Dank für die Ermöglichung dieses Interviews. Können Sie das Unternehmen Heilbronner Stimme unseren Lesern in Bezug auf Erscheinungsweise, Druckauflagen, Digital-Abonennten etc. näher vorstellen?

Uwe Heer: 
Aber gerne doch. Die Heilbronner Stimme mit ihren sechs Lokalausgaben erscheint sechsmal die Woche, montags bis samstags. Die Gesamtauflage beträgt 75.000 Exemplare – zuletzt mit einem Minus von 1,7 % in der verkauften Auflage. 
Die reine E-Paper-Auflage, die von den E-Paper-Abonnenten auch mit 24,55 Euro voll bezahlt wird, liegt bei 2800 Exemplaren (ein Plus von 40 % gegenüber Vorjahr). Mit unserem Internetangebot stimme.de sind wir rund um die Uhr sieben Tage die Woche aktiv. Hier haben wir zuletzt vier Millionen Visits (12 Millionen PI) erreicht, eine Steigerung um 80 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Derzeit starten wir das Angebot stimme.de Premium mit exklusiven digitalen Angeboten. Im ersten Monat kostenfrei, dann sechs Monate für 99 Cent, anschließend 4,99 Euro.

PreMedia Newsletter: 
Wieviele Mitarbeiter sind in den Redaktionen der „Heilbronner Stimme“, „Hohenloher Zeitung“ und „Kraichgau Stimme“  tätig?

Uwe Heer: 
Wir beschäftigen 95 Re­dakteure, insgesamt sind in der Redaktion 
inklusive Fotografen, Archiv, Stimme.TV, Grafikern und Sekretariat 133 Mitarbeiter ­beschäftigt. 

PreMedia Newsletter: 
Allgemein wird ja während der Corona-Pandemie in den hochentwickelten Zeitungsmärkten eine verstärkte Nachfrage bei den Medienkonsumenten nach Qualitätsjournalismus verzeichnet. Trifft dieser Trend als Auswirkung der Corona-Krise auch bei der „Heilbronner Stimme“ zu?

Uwe Heer: 
Voll und ganz. Wir haben wesentlich mehr Neukunden im Printbereich im Vergleich zu den vergangenen Jahren. Das wird ja an der recht moderaten Auflagenentwicklung deutlich. Im Online-Bereich haben wir wie alle anderen Verlage auch enorm vom Nachrichteninteresse der User profitiert und darauf mit neuen Angeboten reagiert. Der Leser und User schätzt urplötzlich wieder die journalistische Qualität und unsere Zuverlässigkeit – das macht Hoffnung!

PreMedia Newsletter: 
Arbeiten derzeit  Ihre Redakteure vorrangig dezentral, zum Beispiel vom Home-Office aus?

Uwe Heer: 
Zu Beginn der Corona-Krise arbeiteten mehr als 95 Prozent im Home-Office. In der Zentralredaktion waren aus jedem Ressort nur noch ein Vertreter anwesend, zudem die Producer und der Chefredakteur.  Das war eine immense Herausforderung, das wir weiterhin volle Umfänge produziert haben. Der Sprung ins kalte Wasser, was die technischen Voraussetzungen und die Videokonferenzen anbetrifft hat aber super geklappt. Dank der guten Arbeit unseres Krisenstabes hatten wir im gesamten Unternehmen keinen einzigen Corona-Fall. Mittlerweile sind fast alle Kollegen wieder in der Zentrale zurück.

PreMedia Newsletter: 
Für die Lokalredakteure ist es ja eine neue Situation, da diese doch vorrangig auf den persönlichen Kontakt zu Interview- und andere Gesprächspartner, beispielsweise beim regionalen Sport, in ihrer Region angewiesen sind. Gibt es da besondere Möglichkeiten der Kontaktaufnahme durch ihre Lokalredakteure?

Uwe Heer: 
Zunächst haben die Redakteure diese Zeit mit vielen neuen Ideen hervorragend überbückt. Unsere Redaktion war nicht in Kurzarbeit und konnte sich voll auf den nicht nur in Krisenzeiten notwendigen Qualitätsjournalismus konzentrieren. Mit Video-Chats wurden Geschichten recherchiert. Es entstanden neuen Serien – vor allem im Sport. Wir haben unser Ziel, stärker von der Termin- zur Themenzeitung zu werden, quasi über Nacht umgesetzt – ohne eine Verringerung des Angebots. 
Zudem war natürlich die Corona-Berichterstattung ausführlich und regional sehr nachgefragt. Und wir haben von unserem erfolgreichen Ganzjahresprojekt 50 Wochen-50 Orte profitiert, bei dem jede Woche ein Ort des Verbreitungsgebietes sechs Tage lang im Fokus von online und Print steht.

PreMedia Newsletter: 
Die „stimme.de“ hat ja beeindruckende Zugriffszahlen. Gibt es auch einen Trend zu Wachstum bei zahlenden Digital-Abo-Beziehern?

Uwe Heer: 
Ja, den spüren wir. Das E-Paper ist ein starker Wachstumsmarkt – und wir verdienen damit auch richtig gut. Hier werden wir noch stärker am Markt agieren. Und stimme.de entwickelt sich bei Werbeerlösen und auch den Abos erfreulich gut – da macht sich unsere medienneutrale Produktionsweise aller Redakteure positiv bemerkbar. Wie beim kürzlich eingeführten Wochenthema, das exklusiv bei stimme.de läuft und für das der (Print-Redakteur) für online freigestellt wird.

PreMedia Newsletter: 
Findet Roboter-Software, beispielsweise im regionalen Sport oder bei Wirtschaftsnachrichten, in ihren Redaktionen für algorithmengesteuerte Texterstellung statt?

Uwe Heer: 
Bislang noch nicht, ich schließe das aber für Teilbereiche nicht aus. Wo Zahlenartikel generiert werden, ist das eine Alternative. Nicht aber bei der fundierten und einordnenden Berichterstattung.

PreMedia Newsletter: 
Mussten die redaktionellen Abläufe während der Corona-Krise umstrukturiert werden?

Uwe Heer: 
Ja, natürlich. Organisation und Planung mussten intensiviert werden, Arbeitsabläufe gestrafft werden, Absprachen wurden verstärkt. Ohne die bessere Planung hätten wir diese schwierige Zeit nicht so gut überstanden. Das betrifft auch alle Besprechungen, Konferenzen und die dennoch stattgefundenen Vor-Ort-Termine. Wir haben zudem danach geschaut, dass dort, wo weniger los war, die Kollegen die Zeit zum Abbauen von freien Tagen genutzt haben.

PreMedia Newsletter: 
Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise aus Ihrer Sicht auf den Fortschritt der allgemeinen Digitalisierung?

Uwe Heer: 
Das war wie überall ein Quantensprung. Wir haben zwar schon immer mit unserer technischen Ausstattung das Arbeiten von zu Hause ermöglicht. Das aber auf einen Schlag für alle umzusetzen, war schon ein Meisterstück unserer IT-Abteilung. Dazu wurde dann das Videokonferenzsystem mittels Microsoft Teams auch von Heute auf Morgen umgesetzt. Früher wäre so was ein Einjahresprojekt gewesen und am Ende hätte es vielleicht doch nicht funktioniert. Jetzt ging alles ganz schnell und professionell – das ist unsere Maxime für die digitale Zukunft.

PreMedia Newsletter: 
Sehr geehrter Herr Heer, herzlichen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.

Uwe Heer: 
Sehr gerne geschehen, Hr. Malik. Und bleiben Sie fit!

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