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18.12.2018

Google News Initiative –Friendly Enemies?

25.10.2018
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2018. Wir schreiben das 25. Jahr, nach dem der Spiegel die erste Präsenz eines großen deutschen Verlages in das World Wide Web stellte. Die Medienbranche in Deutschland und Europa kommt seither nicht zur Ruhe: Printauflagen sind rückläufig, das Geschäft mit Online-Anzeigen stagniert und noch immer sind viele Redaktionen im Land in on- und offline getrennt. Trotz zunehmender strategischer Anstrengungen und einem selbstbewusster werdenden Umgang mit dem digitalen Wandel – dass die Umbrüche dieser Jahre mit einer großen Verunsicherung einhergehen, sieht man nicht nur an den hektischen Wechseln an den Spitzen vieler Zeitungsverlage. Als Retter der nervösen vierten Gewalt schickt sich seit einigen Jahren ausgerechnet das Unternehmen an, das für digital getriebenen Transformationsdruck steht wie kaum ein anderes: Google.
Mit 150 Millionen Euro will der US-Konzern Innovationen im europäischen Journalismus fördern. Seit Anfang 2016 beschenkt er deshalb hunderte Medienunternehmen, Verlage, Start-Ups, Einzelpersonen und Universitäten in Europa. Wohin das Geld fließt und wofür es genutzt wird, ist schwer zu überblicken. In einem mehrmonatigen Rechercheprojekt haben wir bei netzpolitik.org deshalb Googles Digitale Nachrichteninitiative und ihren Innovationsfonds analysiert. Eine zentrale Erkenntnis: In keinen anderen Staat fließt mehr Google-Geld als nach Deutschland. In den ersten vier Förderrunden bis Frühjahr 2018 erhielten 66 Projekte in der Bundesrepublik insgesamt fast 15 Millionen Euro. (Lest hier >>mehr über unser Vorgehen und die Zusammenfassung unserer Ergebnisse< <).
Anders als der Name es vermuten lassen würde, fließt der Großteil der Finanzspritze dabei nicht in Start-Ups, sondern in ganz klassische Publizistikunternehmen. Google selbst informiert zwar nicht über genaue Fördersummen, sondern nur über Größenordnungen in drei Kategorien. Auf Grundlage unserer Datenbank konnten wir jedoch recht zuverlässige Schätzungen für die unterschiedlichen Gruppen der Mittelempfänger:innen vornehmen. Demzufolge sind in den ersten vier Förderrunden des Innovationsfonds etwa 9 Millionen Euro an profitorientierte Journalismusunternehmen geflossen, fast zwei Drittel des Gesamtbudgets für Deutschland.

Die Innovationen sollen blühen
Großzügig verteilt der US-Konzern mit der Fördergießkanne Millionen, auf dass die hiesige Medienlandschaft blühe. Und die krisengebeutelten deutschen Presseverlage können bei diesem Angebot einfach nicht ablehnen. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, schließlich sparen sie sonst nicht mit Kritik an dem Machthunger des US-Konzerns, der sich nach und nach in jedem Gesellschaftsbereich unentbehrlich machen will. Und so begab es sich, dass im Februar 2016 nur eine Woche zwischen einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über Googles kreative Buchhaltung zur Vermeidung von 11 Milliarden Euro Steuern in Europa und einer Pressemitteilung lag, in der die Zeitung ankündigte, als eines der ersten Häuser 500.000 Euro für ein Projekt zur Nachrichtenpersonalisierung von dem Datenkonzern anzunehmen.
Inzwischen ist die FAZ in bester Gesellschaft. Die Liste der Mittelempfänger liest sich schließlich wie ein Who-is-Who der deutschen Verlagsbranche: Spiegel Online erhielt fast 700.000 Euro für das Projekt „Read the Game“, das laut Eigenbeschreibung Datenanalyse und Künstliche Intelligenz nutzt, um Fußballberichterstattung zu verbessern. Die taz bekam 109.000 Euro für ein Monetarisierungsprojekt. Funke erhielt 500.000 Euro für ein Video-Distributionsnetzwerk namens „Unicorn“. Die Wirtschaftswoche wurde gleich mehrfach gefördert und erhielt mehr als 600.000 Euro für die Entwicklung eines Redaktionswerkzeugs für Multimedia-Stories und eines Virtual-Reality-Clubs für Abonnent:innen.
Auch regionale und lokale Blätter profitieren von Googles Großzügigkeit. Der Berliner Tagesspiegel ließ sich beispielsweise die Entwicklung seines Debattenportals „Causa“ und des Stadteil-Newsletters „Tagesspiegel Leute“ mit mehreren hunderttausend Euro finanzieren. Die Rheinische Post erhielt 300.000 Euro, um ein System zur Trend-Erkennung zu entwickeln, das Daten aus Millionen Online-Nachrichtenquellen analysieren und Themenkarrieren für die redaktionelle Arbeit auswerten soll. Die Mittelbayerische erhielt bis zu 50.000 Euro, um einen Chatbot zu entwickeln, der Leser:innen über Messenger mit Nachrichten versorgt.
Tatsächlich ist es einfacher aufzuzählen, welche großen Verlage sich bisher nicht fördern ließen: Auffällig ist das Fehlen der Namen Axel Springer, Hubert Burda und Süddeutsche Zeitung. Springer-Chef Mathias Döpfner erklärte schon früh, Googles „Geschenke an die Verlage“ nicht annehmen zu wollen. Der US-Konzern solle lieber das auf Druck der deutschen Presse geschaffene Leistungsschutzrecht für Presseverlage achten und die Verlage auf diesem Weg kofinanzieren.

Endlich im Dialog
Googles Niederlage im Lobby-Streit um eben jenes Leistungsschutzrecht dürfte einer der Gründe sein, warum das Unternehmen sich überhaupt erst dazu entschied, 2015 die „Digital News Initiative“ ins Leben zu rufen. In Frankreich hatte man gute Erfahrungen damit gemacht, eine von der journalistischen Öffentlichkeit geforderte „Google-Steuer“ durch einen Förderfonds für Medien abzuwehren. Die finanzielle Unterstützung ist dabei nur eine von drei Säulen der Digital News Initiative, die Google 2015 gemeinsam mit acht Verlagen ins Leben rief. Die anderen Pfeiler des Engagements in der europäischen Medienbranche bilden das News Lab mit Fortbildungen und Fellowships für Journalist:innen und ein Dialog mit Medienunternehmen über technische Entwicklungen des Konzerns.
Dass es dem Internetgigangten dabei um mehr geht als um Beziehungspflege zu einer Branche, die für das Image und die politische Durchsetzungskraft des Unternehmens besonders wichtig ist, zeigt unsere ausführliche Analyse von Googles DNI-Strategie. Denn ganz nebenbei macht sich der digitale Mischkonzern mit seinen Förderungen, den technischen Lösungen, den Stipendien und Medienfestivals unersetzlich für den Journalismus. Diese Strategie kennt man von ihm bereits aus anderen Bereichen: Google will nicht Produkte schaffen, sondern Ökosysteme, von denen andere abhängig sind: GMail, Chrome und die Google-Suche für die persönliche Kommunikation; Android und der PlayStore für Smartphones; Youtube für Online-Videos; Doubleclick, AdSense, Analytics und Co. für Online-Werbung – wer sich mit seinem Sozialleben, seinem Gerät oder seinem Unternehmen einmal an das Öksystem gebunden hat, kommt schwer wieder raus. So könnte auch die News Initiative das langfristige Ziel haben, Google und seine Dienste zum Betriebssystem des Journalismus zu machen.
Aus der Perspektive der Verlage stellt sich Googles Nachrichteninitiative natürlich etwas anders dar, wie die Schweizer Medienökonomin Juliane Lischka erklärt: „Wenn man es positiv sehen möchte, beginnt Google mit der Initiative, seine gesellschaftliche Verantwortung ernst zu nehmen und tritt mit den Medien in einen konstruktiven Dialog. Bisher war es so, dass die Plattformen technische Entwicklungen einfach vorgaben und die Journalisten sich anpassen mussten.“ Für die Verbreitung publizistischer Inhalte in der digitalen Öffentlichkeit ist Google als Intermediär schließlich heute schon unersetzlich. So ist es aus strategischer Sicht wenig verwunderlich, dass sich den Gründungsmitgliedern der Initiative, FAZ und Zeit, binnen Tagen viele weitere deutsche Verlage anschlossen, darunter Spiegel Online und die Süddeutsche.
Tatsächlich betonen Verlagsmanager in Hintergrundgesprächen, wie wichtig es für die Branche sei, jetzt mit Google im Gespräch zu sein und dem Tech-Unternehmen die Situation der deutschen Presse näherzubringen. Von einer Begegnung Augenhöhe möchte dann aber doch niemand sprechen. Es ist nur konsequent, dass der Konzern das Projekt inzwischen in Google News Initiative umbenannt und eine globale Ausweitung angekündigt hat.

Die Innovationen, die Google meint
Unabhängig von der Frage der Machtverhältnisse zwischen Verlagen und dem Datenkonzern lässt sich nicht bestreiten, dass Google mit seiner Initative einen Einfluss auf die Medienlandschaft hat. Verlagsmanager und Projektverantwortliche betonen glaubhaft und einhellig, dass Google durch den Fonds keinen Einfluss auf die Projekte nehme. Im Gegenteil: Die Betreuung scheint so unaufdringlich, dass viele schwärmen. Auch die Governance-Struktur soll dem Anschein einer Einflussnahme vorbeugen. Im Beirat, der über die Förderung entscheidet, sitzen neben Google-Vertretern auch Wissenschaftler und Verlagsmenschen wie Wirtschaftswoche-Herausgeberin Miriam Meckel.
Und doch: Über die Initiative kann Google mitprägen, wie die Branche tickt. Nirgends wird so viel über die Zukunft des Journalismus gesprochen wie auf den von Google veranstalteten oder geförderten Events. Dass mit Innovationen überwiegend Automatisierung und nicht etwa neue Erzählformate gemeint sind, hat einen Einfluss. Google prägt Journalismus: „Technische Grundlagen entscheiden ja darüber, wie journalistische Abläufe in Redaktionen funktionieren“, erklärt Juliane Lischka.
Diversität jedenfalls scheint kein Schwerpunkt der Initiative zu sein: Egal bei welchem Mittelempfänger wir für Gespräche mit Projektverantwortlichen anfragten, Antworten erhielten wir immer nur von Männern. Auch in der Gesamtschau der geförderten Projekte und Organisationen ist das Bild erschreckend einheitlich: In den ersten vier Förderrunden gingen 54 Prozent der Projekte an profitorientierte Verlage. Mehr als die Hälfte der Empfängerorganisationen ist älter als 20 Jahre. 83 Prozent von ihnen sitzen in Westeuropa. Unsere Daten zeigen: Das typische Profil der Google-Profiteure ist: alt, westeuropäisch, kommerziell. Mit der Deutschen Welle und Correctiv haben in Deutschland nur zwei nicht-kommerzielle Medien Förderungen von mehr als 300.000 Euro erhalten.

Gründungskultur im Kleinen
Immerhin: In Deutschland fördert Google auch eine größere Anzahl junger Firmen, die selbst keine Inhalte produzieren, sondern Dienstleistungen für die Branche entwickeln. 21 von 66 in Deutschland geförderten Projekte lassen sich diesem Bereich zuordnen, nur in Großbritannien erhielten mehr Start-Ups eine Förderung. Gleichwohl ist Google hier nicht ganz so spendabel wie gegenüber Verlagen: Die meisten dieser Projekte erhalten lediglich Förderungen im kleinen Segment „Prototype“.
Eine der wenigen Ausnahmen ist Steady. Die Krautreporter-Ausgründung hat eine Monetarisierungsplattform für digitale Medien entwickelt und sorgt inzwischen für die Finanzierung von Blogs wie Übermedien und Podcasts wie dem Soziopod. „Ohne die Anschubfinanzierung von Google würde es uns dieser Form heute wohl nicht geben“, erzählt Mitgründer Sebastian Esser. Dabei habe nicht nur das Geld geholfen, sondern durchaus auch der Imagefaktor. Die Unterstützung durch Google habe schließlich attraktiv auf andere Förderer gewirkt. Auch Max Koziolek, der mit seinem Start-Up Spectrm Chatbots für Redaktionen und Unternehmen in Deutschland und den USA entwickelt, berichtet von diesem Effekt. Er erhielt in einer frühen Phase seines Unternehmens 205.000 Euro von Google. Zwar habe Spectrm den Start dank eines Accelerator-Programms auch so geschafft, für das Einwerben von Venture Capital sei die Förderung durch Google aber besonders hilfreich gewesen.
Neben der Förderung der großen Verlage ermöglicht Googles Innovationsfonds also tatsächlich eine neue Gründungskultur, die Christopher Buschow im deutschen Mediensystem schmerzlich vermisst. „Deutsche Verlage finanzieren Content-Start-Ups ja höchstens im Ausland, nicht aber in Deutschland“, kritisiert der Kommunikationswissenschaftler. Er hat zum Thema Neugründungen im Journalismus promoviert und die News Initiative deshalb seit langem beobachtet – unter anderem als Teilnehmer eines DNI-Events, wie er der Transparenz halber erzählt. Auch Stiftungen, die angesichts wegbrechender Erlösmodelle eine tragende Rolle bei der Finanzierung von Qualitätsjournalismus spielen könnten, würden die Förderlücke in Deutschland bislang nicht füllen. Eine Studie kam jüngst zu dem Schluss, dass lediglich 85 von 22.000 Stiftungen in Deutschland Journalismus fördern.
Das ist ein strukturelles Problem, das die News Initiative allerdings eher nicht lösen wird, nicht nur wegen der potenziellen Abhängigkeit vom Tech-Konzern. Denn dass sie langfristig wirklich hilft, bezweifelt Buschow. „Ich habe den Eindruck, dass hier in erster Linie Geld ins System geschüttet wird. Coaching und die Frage, was nach der DNI-Förderung kommt, spielen eine eher untergeordnete Rolle.“ Gründungen im Journalismus bedürften aufgrund ihrer speziellen Situation jedoch intensive Beratung und Begleitung. Buschow ist sich sicher: „Wenn es darum gehen soll, substanziell Innovationen zu unterstützen, muss das nachhaltiger sein.“ Solche Experimentierräume und eine Förderkultur zu schaffen, sei im Angesicht der Umbrüche im Mediensystem auch eine politische Gestaltungsaufgabe.

Das Mindeste wäre Transparenz
Bis das allerdings so weit ist, kann sich Google mit seiner Initiative weiter als rettender Innovationstreiber inszenieren – mit all den hier beschriebenen Konsequenzen. Ob die Verlage den Impuls des Tech-Konzerns als Weckruf verstehen und künftig vermehrt aus eigener Kraft neue Wege gehen, steht in den Sternen. In der fünften Förderrunde jedenfalls, die während unserer Recherche bekanntgegebenen wurde, sieht alles aus wie immer: Hunderttausende für Spiegel Online, die FAZ, Gruner + Jahr, die Wirtschaftswoche und das Handelsblatt, ein paar kleinere und mittlere Förderungen für Start-Ups und ein gemeinnütziges Projekt.
Immerhin: Die Liste der neu beschenkten Projekte ist öffentlich einsehbar. Die genauen Fördersummen aber, die eine Einschätzung über Abhängigkeitsverhältnisse und einen Überblick über die Initiative erst ermöglichen, werden wir wieder mühsam recherchieren müssen. Das heißt natürlich, sofern die Zahlen überhaupt preisgegeben werden. Auch in Deutschland konnten wir in monatelanger Arbeit nur gut die Hälfte der Beträge in Erfahrung bringen, die Verlage, Start-Ups, Einzelpersonen und Universitäten von Google erhielten. Transparenz aber wäre das Mindeste, was die Beteiligten gegen den Eindruck tun können, es handele sich bei der News Initiative um die unverfrorendste Schmiergeldkampagne in der Geschichte des Journalismus.
 -Autoren: Ingo Dachwitz, Alexander Fanta-
 

Diese Recherche zu Googles Geld und seinem Einfluss auf Journalismus und Medien in Europa ist ein Projekt von Ingo Dachwitz und Alexander Fanta. Ein halbes Jahr lang haben sie Informationen über Googles (Digital) News Initiative und den dazugehörigen Innovationsfonds gesammelt, eine Datenbank der geförderten Projekte aufgebaut und analysiert, Interviews mit Expert:innen, Verantwortlichen und Mittelempfänger:innen geführt. Am Ende sind sie überzeugt: Die Nachrichteninitiative bringt spannende Projekte hervor und doch ist sie ein Problem. Bisher erschienene Texte:

Überblick:
Die zentralen Ergebnisse der Datenrecherche und die Methode
Analyse: Googles Rolle im Nachrichtenökosystem
Analyse: Wie Googles Geld in Deutschland wirkt
Kommentar: Warum ich das Google-Geld heute nicht mehr nehmen würde.
Factsheet: Ausführlichere Ergebnisse der Datenanalyse [PDF]
Im österreichischen Falter: Gottes Werk und Googles Geld
Englische Version: The Publisher’s Patron: How Google’s News Initiative Is Re-Defining Journalism

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